Wiener Kaffeehaus Geschichte
„Du hast Sorgen, sei es diese oder jene - - - ins Kaffeehaus! ....
Du hasst und verachtest die Menschen und kannst sie dennoch nicht missen - - - Kaffeehaus! Man kreditiert dir nichts mehr - - - Kaffeehaus!“
Das schrieb im Jahr 1918 Wiens wohl berühmtester Kaffeehausliterat Peter Altenberg und charakterisierte damit das Kaffeehaus als einen Ort, an dem man sich als Gast nicht daheim aber doch zu Hause fühlt. Hierher kommt man, um Freunde bzw. Bekannte zu treffen, Zeitung zu lesen, zu diskutieren, Geschäfte zu machen, Geld zu borgen und um diversen Spielen zu frönen. Im klassischen Wiener Kaffeehaus gab es übrigens immer mehrere Billardtische sowie etliche Tische, an denen Karten und Schach gespielt wurde.
Die Geschichte des Wiener Kaffeehauses beginnt mit der Befreiung Wiens durch kaiserliche Truppen im Jahr 1683. Fast zwei Monate lang belagerte damals eine türkische Armee unter der Führung des Großwesirs Kara Mustapha Wien. Am 12. September gelang es schließlich einem kaiserlichen Entsatzheer mit Unterstützung süddeutscher und polnischer Truppenverbände, die Türken in die Flucht zu schlagen. Der ungeordnete Rückzug der türkischen Streitkräfte verschaffte den Siegern reiche Beute - unter anderem auch etliche Säcke Kaffee, ein den Wienern bis dahin unbekanntes Genussmittel. Die Legende besagt, dass Georg Franz Kolschitzky (ein Dolmetscher, kaiserlicher Kurier und Geschäftsmann) unmittelbar nach dem Ende der Türkenbelagerung mit den erbeuteten Kaffeesäcken das erste Wiener Kaffeehaus „Zur blauen Flasche“ gegründet haben soll. Historisch belegt ist die Gründung des ersten Wiener Kaffeehauses am 17. Jänner 1685. Damals erhielt der Armenier (in manchen Quellen wird er auch als Grieche bezeichnet) Johannes Deodat das erste Privileg zur öffentlichen Ausschank von Kaffee. Diese fand in seinem Wohnhaus am Haarmarkt (heute: Rotenturmstraße 14) statt. Bis zum Jahr 1700 entstanden vier weitere Kaffeehäuser, außerdem gab es an die 30 Wasserbrenner. Diese durften „auf dem Brennwege“ Flüssiges erzeugen, was sie nicht nur auf Schnaps, sondern auch auf Kaffee bezogen. Das bekämpften die vier Kaffeehausbesitzer – Isaak de Luca, Rudolf Perg, Andreas Pein und Stefan Devich – mit Erfolg.

- Georg Franz Kolschitzky
Am 16. Juli des Jahres 1700 erhielten sie von Kaiser Leopold I. das ausschließliche Privileg, Kaffee, Tee, Schokolade und ähnliche Getränke in Wien herzustellen und in öffentlichen Lokalen auszuschenken. Damit hatten sie sich der lästigen Konkurrenz der Wasserbrenner entledigt, gleichzeitig war dies die Geburtsstunde der Wiener Kaffeesieder-Innung. 1714 gab es in Wien bereits 11 bürgerliche Kaffeesieder. Ihnen verlieh Kaiser Karl VI. am 4. Mai ein Schutzpatent, das von dessen Tochter und Nachfolgerin Maria Theresia im Jahr 1751 bestätigt wurde. Die Zahl der Kaffeehäuser stieg in den folgenden Jahrzehnten ständig: 1737 gab es 37, 1770 waren es 48, vierzehn Jahre später bereits 64, kurze nach der Jahrhundertwende 89. 1819 schenkten bereits 150 Kaffeesieder das belebende Getränk in Wien aus.
Zu dieser Zeit änderte sich der Charakter der Wiener Kaffeehäuser, die im 17. und 18. Jahrhundert in der Regel finstere, komfortlose Lokalitäten waren. Der erste Kaffeesieder, der in Wien ein prunkvoll ausgestattetes Kaffeehaus eröffnete, war Johann Evangelist Milani um 1770. Sein Café befand sich am Kohlmarkt und hatte ein verspiegeltes Entrée sowie ein mit mehreren Billardtischen ausgestattetes Spielzimmer. Ab 1808 gab es dann das „Silberne Kaffeehaus“, das vom legendären Cafetier Ignaz Neuner betrieben wurde. Der Name des Cafés kam daher, dass man hier den Kaffee in silbernen Gefäßen serviert bekam und dass man sein Gewand an silbernen Kleiderhaken aufhängen konnte. Komfortable Einrichtung sowie die Ausstattung mit Billardtischen gehörten bald zum Standard des Wiener Kaffeehauses.

- Sitzkassierin
Damals kam auch die Sitzkassierin in Mode, die hinter dem Buffet an der Kassa thronte und mit der - als einzig weiblichem Wesen im Kaffeehaus - die anwesenden Männer oft und gerne flirteten. Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich mit dem Konzertcafé eine weitere Spielart des Wiener Cafés. Das erste seiner Art wurde von Martin Wiegand 1788 gegründet und hieß Café Bellevue. Die damals berühmtesten Konzertcafés befanden sich im Wiener Prater, einem ehemaligen kaiserlichen Jagdrevier, das ab 1776 dem einfachen Volke offen stand. Im Prater gab es das „Erste Kaffeehaus“, das „Zweite Kaffeehaus“ und das „Dritte Kaffeehaus“, die große Musikbühnen hatten, auf denen berühmte Musiker wie z.B. Ludwig van Beethoven, Josef Lanner, Johann und Eduard Strauß und Carl Michael Ziehrer auftraten. Im Biedermeier entstanden die Garten- oder Sommercafés, die aufgrund ihrer schönen Lage am Rande Wiens als Familienausflugsziele dienten.
Ab den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts kam es zu einem massiven Wandel: aus der reinen Männerdomäne „Kaffeehaus“ entstand allmählich das Familiencafé. Diese Cafés hatten Damensalons, in denen „Kaffeekränzchen“ und „Damenrunden“ abgehalten wurden. Zu dieser Zeit wurden auch die ersten Kaffeekonditoreien gegründet, die in erster Linie von Frauen bzw. Familien besucht wurden. Hier wurde intensiv das Zusammenspiel von Kaffee und Süßspeisen gepflegt, das sich allmählich auch in den klassischen Kaffeehäusern durchsetzte, die aber trotzdem - samt Sitzkassierin, Billard- und Spieltischen - den Herren vorbehalten blieben.
Was das Speiseangebot im klassischen Kaffeehaus betraf, so gab es in erster Linie Speisen von Eiern (kernweiches Ei, Ei im Glas, Eierspeise, Ham & Eggs und Omelette). Die Süßspeisenklassiker im Wiener Kaffeehaus waren das Kipferl, der Gugelhupf, die Buchteln, die Krapfen sowie die 3 Wiener Traditionsstrudel: Mohn-, Nuss- und Apfelstrudel. Dazu kam manchmal als Tüpfelchen auf dem i oft noch eine Haustorte.
Was in angelsächsischen Ländern der Club war, war in Wien das Kaffeehaus. Hier traf sich die intellektuelle, künstlerische, wissenschaftliche, wirtschaftliche und politische Elite des Habsburger Reichs. Das Wiener Kaffeehaus hatte eine gewaltige Faszination und Ausstrahlungskraft und wurde deshalb in allen Kronländern der Donaumonarchie kopiert. Kaffeehäuser nach Art des Wiener Vorbilds gab es praktisch in jeder Bezirkshauptstadt der 676 615 km2 großen und 53 Millionen Einwohner zählenden Österreichisch-Ungarischen-Monarchie: Von Innsbruck bis Lemberg, von Prag bis nach Sarajevo, von Triest bis Cernowitz.
Als im November 1918 dieses Riesenreich zerfiel, blieb als eines der wenigen bleibenden Errungenschaften das Kaffeehaus, das in all den neu gegründeten Staaten munter fortlebte. Auch im zum Kleinstaat geschrumpften Österreich blühte das Kaffeehaus auf. So gab es z.B. 1938 1.238 Kaffeehaus-Konzessionen in Wien. Nach dem 2. Weltkrieg wandelte sich die Kaffeehauskultur rasant. In den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts bekam das Wiener Kaffeehaus einen kleinen Bruder: das Espresso. Hier wurde meist mit einer neuartigen, aus Italien importierten Espressomaschine Kaffee gemacht, während in den traditionellen Kaffeehäusern, der Kaffee nach wie vor gekocht wurde. Da der „Espresso“, äußerst wohlschmeckend und außerdem viel schneller und perfekter zuzubereiten war, traten die Espressomaschinen einen Siegeszug in den Wiener Kaffeehäusern an. Wobei dies keinen Einfluss auf die Rezepturen der mannigfaltigen Wiener Kaffeespezialitäten hatte: Ein großer Mokka blieb ein großer Mokka und ein Einspänner ein Einspänner.

